Gsolar. Die bis zum 14. Mai im MönchehausMuseum zu sehende Ausstellung "Traumfrauen - Traummänner". zeigt fast 100 Werke von 44 Künstlern. Dazu erscheint ein Katalog, 92 Seiten, Hardcover, mit Texten von Nadine Barth.

Der kategorische Imperativ unserer Zeit heißt: Du musst schön sein, um Erfolg zu haben. Er gilt gleichermaßen für das Berufs- wie Privatleben. Was schön ist, bestimmt die tägliche Bilderflut im Netz, im Fernsehen oder in den Printmedien. Stereotypen über den perfekten Look – diktiert von einer immer schnelllebigeren Modeindustrie mit immer jüngeren Models – ersetzen dabei in der Regel Individualität und Persönlichkeit. Die Schönheitschirurgie boomt wie nie zuvor und wird zunehmend zur Lifestyle-Chirurgie mit Vorbildern aus der „Promi-Szene“.

Was aber verstehen Starfotografen unter „zeitgenössischer Schönheit“? Die Berliner Publizistin und Kuratorin Nadine Barth hat vor einigen Jahren 50 von ihnen aufgefordert, ihre Vision schöner Frauen und Männer zu entwerfen. Prominente Models, Schauspieler und Musiker traten ebenso vor die Kamera wie Menschen ohne Glamourfaktor. 2008 und 2011 waren die Fotografien unter dem Titel „Traumfrauen“ und „Traummänner“ in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen, 2013 in Moskau und in der Kunsthalle in Rostock.

Für das Mönchehaus Museum in Goslar haben Bettina Ruhrberg und Nadine Barth eine neue Auswahl aus den damaligen Ausstellungen zusammengestellt. Sie zeigt, dass das Thema von anhaltender Aktualität ist. Die Typologie des Frauen- und Männerbildes changiert zwischen „Klassisch“, „Ironisch“, „Lyrisch“, „Eigenwillig“ oder „Visionär“. Viele Formen sind denkbar. Entscheidend scheint vor allem eins zu sein: Persönlichkeit.

Beteiligte Künstler: Bryan Adams, Camilla Åkrans, Miles Aldridge, Margarita Broich, Jake Chessum, Walter Chin, Liz Collins, Michelangelo di Battista, Tony Duran, Arthur Elgort, Debora Feingold, Nathaniel Goldberg, Torkil Gudnason, Henrik Halvarsson, Pamela Hanson, Marc Hom, Hadley Hudson, Matt Jones, Ali Kepenek, Paola Kudacki, David La Chapelle, Carlotta Manaigo, Dan Martensen, Ralph Mecke, Nino Muñoz, Tom Munro, Sheryl Nields, Rankin,
Paolo Roversi, Satoshi Saikusa, Martin Schoeller, Stephane Sednaoui, Mark Seliger, Peggy Sirota, Michael Thompson, Donna Trope, Diego Uchitel, Max Vadukul, Ellen von Unwerth, Matthias Vriens-McGrath, Albert Watson, Bruce Weber, Sascha Weidner, Jan Welters

 

Zu den Werken der Ausstellung

Dass Schönheit und Jugend auch heute weitgehend identisch gedacht werden, zeigen zahlreiche Aufnahmen der „Traumfrauen“. Darüber hinaus bilden sie jedoch einen faszinierenden Kosmos unterschiedlicher Frauentypen ab, was auch in den Kommentaren der Fotografinnen und Fotografen zu ihren Bildern zum Ausdruck kommt. Alle betonen sie die Subjektivität ihres Schönheitsbegriffs und entsprechend verschieden definieren sie ihn auch. Die einen werden von ihren „Traumfrauen“ durch „Intelligenz“ und „Charakter“, die anderen durch „Selbstbewusstsein“ und „Persönlichkeit“ oder durch „ein Lächeln“ und „ein Leuchten von Innen“ verführt.

Viele der „Traumfrauen“ sind Models und Schauspielerinnen. So begegnen wir in der Goslarer Ausstellung Angelina Jolie in majestätischer Pose, fotografiert von Marc Hom. Von ihm stammt auch das schöne, romantisch verschattete Porträt der jungen Sophia Coppola, die heute in den Fußstapfen ihres berühmten Vaters als Regisseurin überzeugt. Die ebenfalls junge Schauspielerin Audrey Tautou hat Max Vadukul zugleich lausbubenhaft und verführerisch in Szene gesetzt, während Tom Munro das blutjunge Model Christina Ricci in einer Aktaufnahme von zeitlos klassischer Eleganz präsentiert. Claudia Schiffer lockt uns in einem Bild von Rankin mit Schmollmund und tief ausgeschnittenem Dekolletee, und Miles Aldridge inszeniert in einem augenzwinkernden Slapstick die Hausfrau als unwiderstehlichen Vamp.

Ältere Frauen sind in der Minderheit, stechen dafür aber aus diesem Bilderreigen als in der Tat höchst „charaktervoll“ hervor. Die Schauspielerin Vanessa Redgrave hat Bruce Weber, ernst und konzentriert, beim Workout im Fitness Studio aufgenommen. Und die über neunzig Jahre alte Louise Bourgeois von Marc Hom schaut mit Adlerauge und taxierendem Blick hinter einer ihrer Skulpturen aus auf.

Bruce Weber hat ebenfalls die jedem gängigen Schönheitsideal sich verweigernde farbige Mutter mit zwei Kindern fotografiert. Und auch Pamela Hanson hat, ungewöhnlich genug, selbst wenn es logischer nicht sein könnte, das Porträt ihrer starken und selbstbewussten Mutter als ihr persönliches Schönheitsideal unter all die Jungen und Schönen gemischt.

Bei den „Traummännern“ rangieren Charakter, Persönlichkeit und Erfahrung häufig vor Jugend, Muskeln und Waschbrettbauch. Der Schauspieler George Clooney, fotografiert von Martin Schoeller, demonstriert das sehr eindrucksvoll, ebenso wie Sir Ben Kingsley von Bryan Adams oder der Künstler Cy Twombly (Kaiserringträger 1995), hier noch einmal von Bruce Weber, der gedankenvoll nach draußen blickt. Junge Männer mit athletischen Figuren wie die von dem Fotokünstler Sascha Weidner aufgenommenen Männer am Pool oder Tom Cruise an einer Trainingswand sind hier eher in der Unterzahl.

Doch auch die Männer demonstrieren, wie ein pluralistisches Schönheitsideal tradierten Idealen gewichen ist.

Michael Stoeber